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Der Zauberfarn im Fahrwald

Zwischen Gehweiler und Wadern liegt der Fahrwald. Eigentlich heißt das Farnwald, denn Farnkräuter wachsen dort in unvorstellbaren Mengen. Nun ist das Farnkraut an sich schon ein sonderbares Gewächs. Es hat nie Blüten, und dennoch siehst du im Spätsommer unter den Wedeln rostrote Tupfen. Darin sitzt der Samen, und er ist so fein, wie das feinste Pudermehl. Aber im Fahrwald wächst auch der Zauberfarn. Man kann ihn nicht erkennen, denn er sieht nicht anders aus wie die andern Farnkräuter auch. Wer aber von seinem Samen bei sich trägt, der ist für die anderen Menschen unsichtbar, obwohl er selbst alles sieht und hört.

Einmal hatte ein Schneider von Wadern für den Herrn Pastor in Wadrill eine neue Soutane gemacht und sie dort abgeliefert. Auf dem Heimweg  ging er durch den Fahrwald. Mitten im Wald wird die Straße gekreuzt von dem Weg, der von der Bach nach Wedern führt. An dieser Stelle traf er mit einem Bekannten aus Wedern zusammen. Dem bot er einen guten Tag und wollte ihm die Hand geben. Da fuhr der Angeredete erschreckt zusammen, wendete sich ab und schritt weiter, ohne sich umzusehn.  Er wunderte sich sehr und ging seines Weges weiter. Als er zum Kaisergärtchen kam, überholte er die Hebamme. Die war eine entfernte Verwandte von seiner Frau. So grüßte er die Tante freundlich und sagte weiter: "Ei, so können wir ja mitsammen nach Wadern hinunter gehen. Wo wart Ihr denn noch so spät?" Aber die Hebamme schrie entsetzt auf: "Alle guten Geister loben Gott, den Herrn." Das gilt seit alters als ein guter Schutzspruch gegen alle Hexerei und Zauberei. Damit schlug die Frau ihre Röcke über dem Kopf zusammen, und rannte, was sie rennen konnte.

 

Dem einsamen Schneider aber, wurde selber seltsam zu Mute. Froh war er, als er endlich wieder in seinem Heim war. In der Stube waren seine Frau und seine Tochter noch wach. Nun trat er über die Schwelle und sagte guten Abend. Da schauten sich die Frauen verwundert um und blickten nach der Türe zu. Dann sahen beide sich gegenseitig an und meinten, sie hätten sich getäuscht. Sie hatten sehr wohl die bekannte Stimme des Vaters vernommen, aber nichts gesehen.

Der Vater ging nach seiner Gewohnheit in die Ecke am Ofen, setzte sich dort auf den Lehnstuhl und zog sich die Schuhe aus. Dann lehnte er sich in dem Sessel zurück und tat einen hörbaren Schnaufer. Da erst sahen ihn die beiden Frauen im Lehnstuhl sitzen. Nachdem er die Schuhe ausgezogen, hatte er den zauberhaften Farnsamen verschüttet, der ihm im Farnwald unversehens in die Schuhe gefallen war. Der Hexensamen hatte ihn solange unsichtbar gemacht, als er diesen, ohne es zu wissen, bei sich trug. Seit der Zeit hat schon mancher im Fahrwald nach solchem Zaubersamen gesucht, der unsichtbar macht. Man weiß nicht genau, ob einer schon einmal welchen gefunden hat. Denn wer ihn findet, der wird’s nicht verraten. Es muss doch gar zu schön sein, wenn man sich unsichtbar machen und andere in ihren Gesprächen belauschen kann. Quelle: Carl Wolff in: Mathias Enzweiler 1959 (Hrsg.): Sagen und Geschichten des Kreises Merzig-Wadern, Merzig. (gekürzte Fassung).

 

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